„Ökologisches Bauen muss auf Neugier, Vernunft und Weitsicht setzen“ – Tim Gräßel im Portrait

von Sandra Scheffler-Benz

Die Erfolgsgeschichte des Erlanger Büros Gräßel ARCHITEKTEN begann im August 2002. Der Gründer Tim Gräßel blickt heute auf 20 Jahre und eine Zeit zurück, in der es immer sein Anspruch war, ein Stück nachhaltige Baukultur zu schaffen.

20 Jahre Think Tank

Tim Gräßel legte 2002 mit dem 1. Preis im Wettbewerb für die Dreifachsporthalle und Stadthalle Ebermannstadt den Grundstein seines architektonischen Think Tanks.

„Eine hochdynamische Startphase“, erinnert sich Gräßel, „in der wir mit viel Energie und ebenso viel Nachtarbeit am Ende ein sehr sportliches Ergebnis für die neue Stadthalle erzielen konnten.“ Der Umsetzung des Sieger-Entwurfs war eine längere Phase der Ideenfindung und -optimierung vorangegangen. Ein auf Nachhaltigkeit ausgelegtes Vorgehen, auf das Gräßel bei der Entwicklung von Bauprojekten auch heute noch besonderen Wert legt. „Vor lauter Begeisterung für innovative Ideen, kreative Lösungen und Trends muss immer Zeit für eine kritische Betrachtung bleiben. Denn nicht jeder Hype hält über die Jahre, was er zunächst verspricht.“

Ökologie und Ökonomie als Zusammenklang

Die ausführliche und kritische Betrachtung gilt für den Architekten, der 2010 in den Bund Deutscher Architekten (BDA) berufen wurde, auch im Hinblick auf Green Building.
So notwendig ökologische Ansätze seien, so wichtig sei es, diese Konzepte kritisch abzuklopfen. Für den Architekten erschöpft sich die konsequente Nachhaltigkeit von Bauwerken nicht in der ökologischen Verträglichkeit: „Ein Gebäude, das man auch Jahrzehnte später noch positiv beurteilen soll, muss höchste Ansprüche erfüllen: Ästhetik im Einklang mit Funktionalität und Kosteneffizienz, harmonische Einbindung in die bauliche Umwelt, soziale Aspekte und Aspekte des Green Building.“

Tim Gräßel hält wenig davon, das Siegel „Green Building“ als image- oder verkaufsförderndes zeitgeistiges Feigenblatt auf ein Gebäude zu kleben. „Es gibt aktuell viele Lösungen, technische Möglichkeiten und Förderprogramme rund um nachhaltiges Bauen. Aber nicht jeder Ansatz ist für jedes Bauprojekt optimal geeignet.“

Dazu nennt er ein Beispiel: „Fassadenbegrünungen sind erst einmal ein naheliegender Gedanke. Doch wenn bauliche Bedingungen und der nötige Unterhalt nicht ausreichend bedacht werden, bleibt von dem Grün in ein paar Jahren nicht viel außer einer unansehnlichen Fassade ohne Klimaeffekt.“
Man müsse also trotz – oder gerade wegen – der derzeit gesellschaftlichen Debatten für mehr Nachhaltigkeit mit Neugier, Vernunft und Weitsicht und weniger mit ideologischen Zielen agieren. Dabei sei gerade die Verzahnung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Gegebenheiten zwingend notwendig.

Gewerbe geht grün

Für diese ‚gelungene Verzahnung‘ wurde Gräßel ARCHITEKTEN 2021 von der IHK Mittelfranken mit dem Preis für „Nachhaltige Gewerbegebiete und Gewerbeimmobilien“ ausgezeichnet. Im Mittelpunkt des eingereichten Wettbewerbsprojekts stand das Motto „Gewerbe geht grün“. In diesem Jahr erhielt Gräßel ARCHITEKTEN im Rahmen des Realisierungswettbewerbs „Ökologisches Leuchtturmprojekt” eine weitere Auszeichnung für ein neues Wohnquartier im Nürnberger Südosten. Betont wurde von der Jury der feinsinnige Umgang mit der städtebaulichen Umgebung. Dies wurde erreicht durch den Erhalt und die Aufstockung eines bestehenden Hochhauses, sowie durch Errichtung eines neuen Hochpunktes in Holzhybridbauweise und die Pflanzung eines öffentlichen Klimawaldes.

Interdisziplinäre Denke

Um Projekte ganzheitlich zu denken, setzt das Team von Gräßel ARCHITEKTEN auf den interdisziplinären Austausch mit den Kommunikationsexperten aus der eigenen Unternehmensgruppe. „Wenn wir im Gewerbebau in die ersten Planungen einsteigen, beleuchten wir immer auch die Markenstrategie und die Unternehmenskultur unserer Kunden.“ Es gelinge besonders gut in Workshops, die „Partizipative Architektur“ zu beleuchten, und herauszufinden, welche Bedürfnisse die späteren Nutzer tatsächlich haben und welche Ansprüche sie an einen Neubau oder eine Umnutzung stellen.

Leinen los für SEHGANG

Verantwortungsvolle Architektur hört für Gräßel nicht mit der Schlüsselübergabe eines fertigen Gebäudes auf. Mit „SEHGANG – Architektouren“ bietet Gräßel Führungen für interessierte Bauherren sowie für Schülergruppen an. „Mit unseren Bauten geben wir Architekten unserer gemeinsamen Lebensumgebung und unseren Städten auf Jahrzehnte ein prägendes Gesicht. Ich bin mit der Region um Erlangen und Nürnberg eng verwachsen, da liegt mir die verantwortungsvolle Gestaltung unserer Lebenswelt sehr am Herzen. Daher wollen wir die Öffentlichkeit sensibilisieren, gelungenen Städtebau zu erkennen, Umsetzungen zu prüfen und Dos von Don’ts zu unterscheiden – SEHGANG ist solch ein Angebot hierzu.“

Psssst … wussten Sie außerdem, dass …

  • … Tim Gräßel leidenschaftlich gerne reist und gerade bei Reisen z.B. nach New York, Singapur oder Dubai gelernt hat, dass es sich immer lohnt, über den Tellerrand der bundesdeutschen Debatten zu blicken.
  • … er gerne „sehen“ und „gehen“ verbindet und dabei auch als Fotograf überraschende architektonische Blickwinkel entdeckt.
  • … er Mitglied im Lions Club Erlangen-Hugenottenstadt ist und hier den Fokus gerne auf regionale Bildungsprojekte legt.

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